Antisemitismus - Antizionismus - Israelkritik

Für einen europäischen Betrachter mag die Wortwahl palästinensischer Kritik manchmal antisemitisch klingen. Das ist auch berechtigt. Europäer, vor allem Deutsche und Österreicher, haben katastrophale Erfahrungen mit Antisemtismus und Judenverfolgung erlebt. Die Entwicklungen haben nicht zu letzt den Nahostkonflikt verursacht. Die Palästineser bzw Araber sprechen nicht von Israelis ,sondern von Juden (al Jahud). Das liegt aber nicht an der Verweigerung Israels oder Antisemitismus. Auch in Israel wird zwischen israelischen Juden (Jahudim) und israelischen Arabern (Aravim) unterschieden. Denn Israel als Staat existiert seit 1948. Die Juden verstehen sich aber schon länger als Volk, wenn auch (bis zum 20Jhd) nicht national sondern religiös als Volk Gottes.

Das ist die eine Sache, die zweite ist, dass die Palästinenser vor dem Zionusmus mit dem Jishuv (palästinensischen Juden) problemlos gelebt haben. Die Araber im Ganzen haben Jahrtausende lang mit Juden friedlich zusammen gelebt. Die jüdische Kultur hat zur Zeit des arabischen Reiches ein Blüte erlebt (Maimonides..). Vor allem im arabischen Spanien hatten die Juden eine kulturelle und wissenschaftliche Glanzzeit. Das liegt einerseits darin, dass in der damaligen arabischen Welt die Wissenschaft gepriesen wurde und andererseits, dass die Juden "ein Volk der Schrift" sind und somit respektiert wurden. (Die Christen genauso). In der arabischen Welt waren somit Juden keinen Verfolgungen oder europäische Verhältnisse ausgesetzt.

Mit dem Zionismus hat sich der Widerstand der einheimischen Bevölkerung gegen die zionistisch-jüdischen Pläne entwickelt. Auch die jüdischen Palästinenser, sowie der Großteil der jüdischen Welt war gegen die zionistischen Pläne; hauptsächlich aus religiösen Gründen (nur der Messias kann einen religösen Judenstaat gründen), aber auch assimilierte Juden waren teilweise gegen die kolonialistischen Pläne. Erst der Zweite Weltkrieg mit seinen Folgen, sowie die Verweigerung anderer Staaten die Massenflucht der Juden aufzunehmen, führte zur Masseneinwanderung von Juden nach Palästina.

Wenn Palästinenser in den besetzten Gebieten von "Juden" sprechen, meinen sie nicht den europäisch geprägten Begriff von "Juden", mit allen seinen historischen Flecken. (siehe Anfang). Andereseits kennen die Palästinenser "die Juden" nur in Uniform und Bewaffnung. Für ein Kind, dass mit der Besatzung aufgewachsen ist, verschmelzen langsam die Begriffe Jude und Soldat. Wenn ein Palästineser schreit, dass die Juden kommen, meint er ganz einfach, dass die Soldaten kommen.

Da Israel sich als "Stellvertreter des Weltjudentums" darstellt, und die meisten jüdische Organisationen weltweit enge Verbindungen mit Israel haben und sich bedingungslos hinter Israel stellen, führt das dazu, dass viele Israelkritiker Judenkritiker werden. Leider gab es selten öffentliche Kritik von Juden an Israel. Somit wandelt sich Antizionismus in Antisemitismus. Denn diese Form von arabischen Antizionismus bzw. Antisemitismus ist nicht rassistisch oder abwertend geprägt, sondern nährt sich aus den Taten Israels. Wenn man verstärkt jüdische Kritik an Israel zu hören bekommt (was in letzter Zeit immer häufiger auftritt), werden die Leute im arabischen Raum wieder umdenken lernen und zwischen Antisemitismus und Israel Kritik zu unterscheiden wissen. Denn diese Verallgemeinerung von Antizionismus zu Antisemtismus hat andere Wurzeln als der europäisch geprägte rassistische Antisemitismus.

Was ist nun aber der Unterschied zwischen Antizionismus und Israel-Kritik? Ersterer berücksichtigt die historische Entwicklung Israels, das ja als zionistischer Staat definiert ist. Das bedeutet hauptsächlich, dass es ein jüdisch-nationaler Staat ist. Antizionismus ist somit die Kritik an den "Judenstaat" Israel, v.a des exklusiv jüdischen Charakters.
Israel-Kritik kann verschieden Ausprägungen besitzen. Hauptsächlich versteht man darunter Kritik an den Taten des Staates Israels und nicht an den Charakter des Staates. Vor allem kann ein Israeli Kritik an sein Land üben, aber selten Antizionist sein, da er dann die Organisation Israels in Frage stellt und ein Systemwechsel fordern würde.

Oft verschwimmen die Grenzen von Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik. Andererseits wird Israelkritik oft mit der "Antisemitismuskeule" abgeschmettert. Die geschichtlichen Entwicklungen machen es in Europa sehr schwer Israel zu kritisieren und nicht als Antisemtit zu gelten. Natürlich ist das nicht ausgeschlossen. Nur muss man, v.a. hierzulande, sensibel mit dieser Art von Kritik umgehen, und immer die Hintergründe seiner Kritik erklären und notfalls Antisemitismus ausschließen. Dass man seine Kritik und "Meinungsfreiheit" in diesem Fall rechtfertigen muss, ist bei diesem empfindlichen Thema in Europa nicht zu ändern.