Die tägliche Herausforderung - das Zusammenleben zwischen Juden und Arabern
11. Jan 2001 13:04, ergänzt 07. Feb 2001 10:56

In jüdischen Städten mit arabischen Minderheiten zeigt sich anhand der Stadtplanung und der Haltung der Behörden der jüdische Wunsch, die Araber zu vertreiben. Durch die Ansiedlung von einkommensschwachen Immigranten verschärfen sich die Probleme.

Von Ori Nir und Lily Galili

JERUSALEM. Gleich nach dem Oslo-Abkommen entschloss sich die islamische Bewegung in Israel zur Neuverteilung der Spendengelder. Danach sollten mehr Mittel in die gemischten Städte Israels und weniger in die Autonomiegebiete fließen. Die neuen Maßnahmen waren bitter nötig, denn die Einwohner der gemischten Städte sind die schwächste und am meisten vernachlässigte Bevölkerungsgruppe - keine ist aus politischer Sicht stärker an den Rand gedrängt.

Was der islamischen Bewegung schon vor sieben Jahren klar war, geht der israelischen Regierung erst heute auf. Drei der gemischten Städte - Akko, Ramallah und Lod - sind im Ofek («Horizont»)-Plan eingebunden, dem neuen Programm der Regierung zur gezielten Bewältigung der Probleme unterentwickelter Gemeinden. Doch nicht weil sie «gemischt», sondern weil sie wirtschaftlich schwach waren, wurden diese Städte in diesem Programm berücksichtigt.

Es war nicht immer so

Man könnte einwenden, alle armen Städte gleichen sich, und daher erübrige sich die Unterscheidung zwischen Kiriat, Malachi und der gemischten Stadt Lod. Doch anders als in den anderen Städten, deren Probleme auf der Hand liegen, waren die gemischten Städte einst blühende arabische Städte, die man verfallen ließ. Die arabischen Bewohner sind sich ihrer Geschichte bewusst, doch von dem, was einst ihre Rolle als Zentren von Handel und Kultur und eines regen politischen Lebens ausmachte, ist heute kaum etwas geblieben.

Diesen Aspekt vernachlässigt der Maßnahmenplan. Erwähnt wird nur, dass es in Ramla und Lod Chancen für die Koexistenz gibt. Für Akko wird dieser Anspruch gar nicht erst erhoben. Alle Maßnahmen basieren auf dem Wunsch, die arabischen Einwohner zu assimilieren, um die Situation der gesamten Bevölkerung in diesen Städten zu verbessern. Auf die spezifischen Bedürfnisse der arabischen Einwohner wird dabei allerdings nicht eingegangen.

Unterdrückung der Araber

Die gemischten Städte, genauer gesagt, jüdische Städte mit einer arabischen Minderheit, sind ein Beispiel für den gesamten israelisch-palästinensischen Konflikt. Wo die beiden Völker zusammenleben, versuchen die Juden, die arabischen Einwohner an den Rand zu drängen; manchmal durch konkrete Schritte, manchmal auch nur durch symbolische Maßnahmen.

So ist es zum Beispiel schwer, eine bestimmte Straße in den arabischen Stadtteilen der gemischten Städte zu finden, denn: Meist gibt es weder arabische noch hebräische Schilder, die den Weg weisen könnten. Oft wurden die arabischen Straßennamen ohnehin durch hebräische ersetzt, die zionistisches Ideengut verkörpern (z.B. Hahagana, Hapalmach, Herzl und Weizmann) und die Vergangenheit vergessen machen sollten.

Der arabische Stadtteil Pardes Snir in Lod, erscheint beispielsweise auf keinem Stadtplan. Hunderte von Familien, die dort leben, scheinen nicht zu existieren. Für das kulturelle Leben der Araber gibt es nur spärliche Entfaltungsmöglichkeiten. Arabische Kulturzentren oder Museen fehlen gänzlich. Bestenfalls findet man Gemeindezentren, doch auch diese entsprechen kaum den Bedürfnissen der arabischen Bevölkerung.

Unwillkommene Bewohner

Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass Städte ihren Bewohnern mehr Bewegungsfreiheit und mehr Entfaltungsmöglichkeiten bieten als andere Gebiete. Doch auf die Araber in den gemischten Städten Israels trifft das nicht zu; die Vorzüge der Metropolen bleiben ihnen versagt. In den gemischten Städten sind die Araber nur Untermieter. Über 60 Prozent von ihnen schlafen in Wohnungen, die dem Staat gehören, in Häusern, die 1948 verlassen wurden. Das geht aus einem Bericht der Vereinten Nationen hervor.

Intellektuelle haben es schwer

Während normalerweise Leben in der Stadt gleichbedeutend mit Fortschritt ist, muss die arabische Elite in Akko ihre Söhne und Töchter in die Schulen der Nachbardörfer Iblin und Jedaida schicken.

Da es in Ramla und Haifa keine staatlichen Schulen gibt, besuchen die meisten Kinder private Grundschulen. Besonders kritisch ist auch die Lage der arabischen Intellektuellen in den gemischten Städten: Erwartung und Realität stehen sich scheinbar unvereinbar gegenüber, denn es gibt kaum Stellenangebote.

Die Bevölkerung in den gemischten Städten ist ärmer als in den Dörfern. Stadtteile wie Adschami in Jaffa (der ärmste Stadtteil von Tel Aviv), Harakevet in Lod und Dschuarisch in Ramla gleichen Flüchtlingslagern. Es fällt schwer zu glauben, dass sie im Jahr 2000 sind und mitten in Israel liegen.

In der Peripherie der Peripherie

Viele der israelischen Araber glauben, nur die Gründung einer arabischen Stadt kann die arabische Bevölkerung aus ihrer Not retten und der Motor für weiteren Fortschritt sein.

«Wir könnten eine pulsierende arabische Stadt gründen, die gut ausgebildete Bürger anzieht und den Bedürfnisse und Erwartungen vieler junger Araber in Israel entspricht», versichert Dr. Thabet Abu-Ras, Dozent für politische Geographie an der Ben-Gurion-Universität. Seiner Meinung nach verhindern nicht nur die Behörden die Gründung einer solchen Stadt (seit 1948 wurde keine einzige arabische Gemeinde gegründet - weder auf dem Land, noch in der Stadt), sondern auch durch die Zerstrittenheit der arabischen Bevölkerung. Die Gegner dieser Idee meinen, erst sollten die bestehenden arabischen Gemeinden entwickelt werden und dann erst könne eine Stadt mit elitären Charakter gegründet werden.

Vorkämpfer der Judaisierung

Die Zeichen jüdischer Herrschaft in den gemischten Städten sind nicht zu übersehen. Sie zeigt sich nicht nur bei der Unterdrückung und Marginalisierung der arabischen Einwohner, sondern auch in der Instrumentalisierung neuer jüdischer Einwanderer.

In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts brachte man die Einwanderer aus dem Nahen Osten in die gemischten Städte und die Grenzgebiete, die dann als physische und geographische Puffer zwischen den Wohngebieten der Araber und denen der herrschenden Elite dienten. Seit den sechziger Jahren erfüllten die Einwanderer aus den Ostblockländern den gleichen Zweck. Heute lebt in den gemischten Städten ein hoher Prozentsatz an Einwohnern aus der ehemaligen Sowjetunion. Die meisten wohnen in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Arabervierteln, der weitaus größte Teil stammt aus den einkommensschwächsten Schichten der Zuwanderer; diese Tatsache untermauert die Teilung nach Klassen.

Während viele gemischte Städte der jüdischen Bevölkerung lediglich als Zwischenstation dienen - schließlich strebt man danach sich zu verbessern sobald es wirtschaftlich bergauf geht - tun sich die neuen Einwanderer schwer, voran zu kommen. Entsprechend merken viele von ihnen, dass sie in einer Stadt mit armer arabischer Bevölkerung festsitzen. Nicht genug, dass die ethischen Wertvorstellungen hier aufeinanderprallen. Häufig zieht eine Beleidigung die andere nach sich und die Stimmung wird immer feindlicher.

Doch das menschliche Mosaik der gemischten Städte ist noch längst nicht vollendet - so lange nicht wie einkommensschwache Neuankömmlinge weiterhin inmitten armer Bevölkerungsteile angesiedelt werden.

Wo gemeinsame Interessen im Mittelpunkt stehen

Nach 52 Jahren sind die Probleme in den gemischten Städten nicht nur nach wie vor ungelöst, sie sind sogar schlimmer geworden: Die Zahl der Städte, die de facto binational sind, steigt. So auch in Be'er Schewa, wo Juden und Araber klar durch Stadtgrenzen getrennt sind. Für Araber und Juden ist die Stadt die «Hauptstadt des Negev» und arabische Akademiker sowie qualifiziertes Personal strömen vom Süden in die Stadt. Im jüngsten Stadtentwicklungsplan ist von einer «binationalen Metropole» die Rede. Bisher ignorierten die Politiker die Existenz einer [anderen] Nationalität in der viertgrößten Stadt Israels. Obwohl dort etwa 7.000 Araber leben, weigert sich die Stadtverwaltung von Be'er Schewa, in der Stadt eine Schule oder sogar eine Moschee zu eröffnen - anscheinend hofft man den Trend zu stoppen.

Städte mit Charme

Auf den Beduinenmarkt von Be'er Schewa ist die Verwaltung eigentlich stolz. Die Ausdrucksformen nahöstlicher Folklore sieht man gern: Alle lieben das schicke Viertel Wadi Nisnas, die Fischrestaurants von Jaffa, das Fest in der Altstadt von Akko und auch den Markt in Lod. Alle liberalen Juden wissen, wo sie in der gemischten Stadt ihren Lieblingshumus bekommen. Das Problem besteht darin, dass all die Dinge, die den Arabern das Gefühl vermitteln, sich in einem Indianerreservat zu bewegen, vom jüdischen Establishment so lange willkommen sind, wie sie nicht in echten Forderungen nach multikulturellem Leben münden.

Doch multikulturelles Leben ist die einzig mögliche Richtung für die Entwicklung einer gemischten Stadt. Der Staat muss für sich selbst definieren, wie er künftig die gemischten Städte in das große Bild von zwei Völkern integriert, die im Staat Israel leben. Gemischte Städte sind Mikrokosmen für alle denkbaren Formen des Zusammenlebens, eine Art Versuchslabor für künftige Lösungen.

Die Regierung darf bei ihrer Politik nicht mehr wie besessen an der Wahrung des demographischen Gleichgewichts festhalten. Statt dessen wäre es Zeit, sich auf die gemeinsamen Interessen der beiden dort lebenden Gemeinden zu konzentrieren und die Ängste beider Seiten ernst zu nehmen. Auch die Frage, ob gemischte oder getrennte Wohngebiete besser sind, löst sich so von selbst. Gemischte Wohngebiete sind nicht unbedingt ein Zeichen für Erfolg und getrennte nicht zwangsläufig ein Zeichen des Versagens. Gemischte Stadtteile haben eine Art Erfolgsgeschichte wo immer sie natürlich gewachsen sind.

Die Autoren arbeiten für die israelische Tageszeitung Haaretz. Gekürzte Fassung.

Quelle: http://www.netzeitung.de/spezial/nahost/126083.html

weiters: Für die Juden in Akko riecht die Stadt schon zu arabisch
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