Jüdischer Nationalismus

Die Verwendung des Begriffes einer eigenen Nation für die Juden war lange Zeit umstritten und ist es auch heute noch. Vor allem Reformjudentum und Orthodoxie widersetzten sich im 19Jhd. einer nationalistischen Interpretation des Judentums, ersteres indem es u.a in seinen Gebetsbüchern Hinweise auf das Heilige Land tilgte und Judentum vor allem als Konfession auffasste, letztere, weil für sie eine "Rückkehr in das Heilige Land" vorwiegend unter dem Vorzeichen der Messianität, d.h. eines direkten "Eingreifen Gottes in die Geschichte seines Volkes und der Welt" gesehen wurde.

In den Zeiten des europäischen Nationalismus versuchten auch viele jüdische Intellektuelle einen Begriff von jüdischer Nationalität darzustellen. Die Juden hatten jedoch keine eigene gemeinsame Sprache, Land und eindeutige Kultur. Das Bekenntnis zu einem jüdischen Nationalismus wurde zunächst nur von einer Minderheit unter den Juden vollzogen. Die meisten sahen sich als Religionsgruppe, einige als "Kulturnation".

Die Lösung der "Judenfrage" im Sinne einer Staatsnation sahen nur wenige jüdische Schriftsteller am Ende des 19Jhd., darunter v.a Moses Hess, Leon Pinsker und Theodor Herzl. Sie veröffentlichten Werke, die als Grundlage der jüdischen Nationalbewegung, allen voran des Zionismus, dienten. Der Zionismus war also die, etwas verspätete, jüdische Variante der modernen Nationalbewegung.

Mit Herzl und Etablierung der zionistischen Weltorganisation begann die Phase hektischer diplomatischer Bemühungen um internationale Anerkennung, Neuschaffung des Hebräischen als Nationalsprache und der Gründung einer neuen jüdischen Gesellschaft (v.a. die Schaffung einer jüdischen Bauernschaft und Arbeiterklasse)

Viele Zionisten waren davon überzeugt, das erst ein Staat eine Nation begründen würde. So begann die intensive inner-zionistische Diskussion über Form und Ausmaß des vorgesehenen jüdischen Staatsgebildes.

Wie weit dieser jüdische Proto-Nationalismus den Antisemitismus geschürt hatte, soll hier nicht behandelt werden.

Quelle:"Die Palästina-Frage 1917-1948", Helmut Mejcher, Schöningh Verlag, Paderborn 1993