Palästinensische Literatur

Bedeutende palästinensische Schriftsteller sind u.a.


-)Ghassan Kanafani
-)Emil Habibi
-)Sahar Khalifa
-)Mahmoud Darwisch
-)Mu'in Bseisso

Um ein Einblick in die palästinensische Literatur zu bekommen, sollen hier Ausschnitte ihrer Werke dargestellt werden.


Ghassan Kanafani ist im April 1936 in Akka geboren. 1948 flüchtete er mit seiner Familie in den Libanon, später nach Syrien, wo er sein Schulausbildung abschloss und einige Zeit als Lehrer in einer UNRWA-Schule arbeitete. 1956 bekam er eine Lehrstelle in Kuwait. Hier erfuhr er von seiner Zuckerkrankheit. Dort kam er auch mit dem Kommunismus in Kontakt. 1960 forderte George Habasch, dem späteren Chef der "Volksfront für die Befreiung Palästinas" Kanafani auf, in den Libanon zu kommen. Hier verbrachte er den Rest seines Lebens als Journalist und Sprecher des palästinensischen Volkes. Kanafani war nicht ein Mann, der mit der Kalaschnikoff für die Rechte seines Volkes eintrat. Seine Waffen waren seine Feder, sein Intellekt, seine Wortgewalt. So wurde er zu einem kämpferischen Sprecher seines Volkes im Exil. Er war also ein "gefährlicher" Mann. Im Juli 1972 fiel Ghassan Kanafani, zusammen mit seiner Nichte, in Beirut einem Bombenattentat zum Opfer.


...Ihr habt versucht, mich auszulöschen. Unermüdlich, unverdrossen habt ihr euch darum bemüht. Täusche ich mich, wenn ich sage, dass ihr dabei nicht gerade viel Glück gehabt habt? Ganz sicher nicht. Aber dafür ist euch etwas anderes in phantastischer Weise gelungen, oder haben Sie noch nicht bemerkt, dass ihr mich mit aller Macht dahin gebracht habt, dasss ich aus einem Menschen zu einem fortdauernden Zustand geworden bin? Ja, ich bin ein Zustand, nie war ich mehr , und nie werde ich weniger sein, denn ich bin ein Zustand. Wir sind ein Zustand, werden ihm in verblüffender Weise immer noch ähnlicher. Eine grossartige Arbeit, mein Herr, wirklich wunderbar, wenn sie auch ihre Zeit brauchte. Aber wissen Sie, eine Millionen Menschen gemeinsam aufzulösen, aus ihnen eine einzige, vereinte Sache zu machen,das ist wirklich keine leichte Arbeit. Ich bin überzeugt, dass man sich auch dank Ihrer gütigen Erlaubnis so viel Zeit genommen hat. Nun aber habt ihr es geschafft, dass jeder einzelne dieser Millionen Menschen seine eigene, ihm eigentümliche Eigenschaft verloren hat. Da müßt ihr also nicht mehr unterscheiden und sortieren. Ihr steht jetzt einem Zustand gegenüber: wollt ihr ihn als Diebstahl bezeichnen, nun, dann sind eben alle Diebe. Verrat vielleicht? Dann sind alle Verräter. Wozu noch all die Mühe und Last und die verwickelten menschlichen Betrachtungen von ehedem?...

...Überdies, mein Herr, bietet unser Unternehmen auch noch andere günstige Dienste an. Wir sind beispielsweise hervorragend dafür geeignet, andere eine Lektion zu erteilen. Schwierige, verwickelte politische Probleme? Na, dann geh gegen die Lager vor, sperr ein paar Flüchtlinge ein, am besten alle, wenn du kannst. So kannst du deinen Untertanen Zucht und Ordnung beibringen, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Warum willst du ihnen schaden, wenn du eine besondere Gruppe hast, die ihnen zur Erfahrung dienen kann?...

...Aber da ist ein kleines Problem, mein Herr, das mich nicht schlafen lässt und über das ich unbedingt noch reden muss. Es geht dem Menschen doch oft so, dass er, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt, zu fragen beginnt: "Wie nun weiter?" Entdeckt er dann, dass er gar kein Recht auf die Frage nach dem "weiter" hat, geschieht manchmal etwas sehr Hässliches - so etwas wie Wahnsinn befällt ihn. Da sagt er sich dann ganz leise: "Was ist das für ein Leben! Lieber den Tod!" Nach wenigen Tagen aber fängt er an zu schreien: "Was ist das für ein Leben! Lieber den Tod!" Schreien, mein Herr, ist ansteckend. Und so rufen alle wie aus einem Munde: "Was ist das für ein Leben! Lieber den Tod!"...

Ghassan Kanafani, "Über die Grenzen hinaus", 1962


...Warum sollte er ihr nicht berichten, wie die Zionisten in Akka eindrangen und was dann geschah. Er war im Zimmer, als vor seinen Augen die Hölle losbrach. Mit anderen hatte er sich zurückgezogen, als sich die Dunkelheit über Akka senkte. Sein kleines Gewehr hatte alles, was darin war, ausgespuckt und sich in ein Stock verwandelt, einen dürren Stock, zu nichts mehr zu gebrauchen. Er ging in sein Zimmer und nahm Dallal in den Arm, die angesichts des Entsetzens, das sich über die Stadt gebreitet hatte, weinte. Dann, bevor er sich dessen gewahr wurde, barst die Tür. Eine Salve ging los; ein Kugel- hagel ergoss sich über das Zimmer. Als sich der Rauch verzogen hatte, sah er vier Männer, die vor seinen Augen die hölzerne Zimmertür verbarrikadierten; doch er rührte sich nicht. Dallal lag zuckend in ihrem Blut; sie röchelte noch einige Male. Als er sie an die Brust drückte, als wolle er ihr sein Herz und sein Blut geben, blickte sie ihn an. Dann zog sie die Brauen hoch und wollte etwas sagen. Doch der Tod kam ihr zuvor. Hatte er geweint? Heute erinnerte er sich an nichts mehr; nur noch daran, dass er seine tote Schwester auf die Arme nahm, mit ihr auf die Strasse rannte, sie den Passanten unter die Augen hielt, um sie um ihre Tränen zu bitten - so als ob seine Tränen allein nicht genügten. Er wusste nicht mehr, wann es den Leuten gelang, den toten Körper seinen Armen zu entwinden. Doch er wusste noch, dass ihn, als er seine tote Schwester verloren hatte, als ihm ihr steifer, kalter Körper genommen worden war, das Gefühl überkam, alles verloren zu haben: sein Land, seine Familie, seine Hoffnung. Jetzt war es ihm gleichgültig, sollte er auch sein eigenes Leben verlieren. Von da an begann er umherzuziehen, verliess sein Land und floh vor dem Schicksal, das ihm so hart zugesetzt hatte.

Wenn er all dies erzählte, würde die grosse Lüge getilgt, die er zehn Jahre lang aufgebaut hatte, und seine Mutter würde plötzlich erfahren, das Dallal tot ist, seit zehn Jahren, und dass ihr Sohn sie dieses ganze Zeit über angelogen hatte, wenn er immer wieder und unermüdlich denselben kalten Satz durchs Radio hatte übermitteln lassen: "Dallal und mir geht es gut. Lasst uns hören , wie es euch geht. Wir machen uns Sorgen!" Er stand auf, ging ans Fenster, zog die dunklen Vorhänge beiseite und blickte auf die Strasse hinab...Er musste sie von der Lüge befreien und er musste sich selbst von diesem dunklen Schicksal befreien, das auf ihm ganz allein lastete. Er musste ihr sagen, dass Dallal dort begraben war und dass er niemanden fand, der an Festtagen einen Blumenstrauss auf ihr kleines Grab legte, und dass sie, ihre Mutter, nur einen Katzensprung vom Grab ihrer geliebten Tochter entfernt wohnte, das zu besuchen ihr nicht möglich war.

Ghassan Kanafani, "Der Horizont hinter dem Tor", Kuwait 1958


...Sie fielen in den Graben. Ihre Gesichter und ihre Hände versanken im Schlamm. Sie lagen übereinander, ein einziger, grosser, blutdurchtränkter Haufen. Unter ihren Körpern lief das rote Blut wie ein Faden hervor, sammelte sich und floss mit dem Wasser nach Süden. Der fette Mann wandte sich dem Junge zu, beugte sich ein wenig hinab und zog ihn schmerzhaft am Ohr: "Hast du's gesehen? Merk's dir gut und erzähl es weiter..." Dann richtete er sich wieder auf, schlug dem Jungen mit seinem Stock auf den Rücken und stiess ihn nach vorn: "Los, hopp, renn so schnell du kannst. Ich zähl bis zehn. Wenn du dann noch nicht weit genug weg bist, schiess ich auf dich." Im ersten Augenblick konnte es der Junge nicht fassen. Zwischen dem Graben und der jungen Frau mit den nackten Beinen stand er wie angewurzelt da- reglos wie die Bäume um ihm herum. Sein Mund stand offen und gab die schadhaften Zähne frei. Im nächsten Moment folgte ein weiterer Schlag mit dem schwarzen Stock. Er glaubte, die Haut werde ihm abgeschunden. Da gabe es für ihn nichts anderes mehr, als Hals über Kopf davonzulaufen.

Die Strasse vor seinen Augen verschwamm hinter einem Schleier aus Schwindel und Tränen. Dennoch drang ihr drönendes Lachen an sein Ohr. Da blieb er stehen. Er wusste nicht wie und warum. Doch er blieb stehen. Steckte seine Hände in seinen Hosentaschen und ging mit ruhigen festen Schritten weiter, mitten auf der Strasse, ohne sich umzusehen. Und er begann, langsam vor sich hinzuzählen: "Eins, zwei, drei..."

Ghasssan Kanafani, "Damals war er ein kleiner Junge", Beirut 1969


Rat und Testament eines alten Bauern auf der besetzten Erde

Ich bin heute ein Greis, ein Mann, dessen Kopf drei Generationen trägt und der siebzig Jahre Umgang mit dem Zionismus hatte. Ich habe die Revolution von 1936 erlebt, die Kämpfe von 1948; wir haben soeben den Junikrieg überstanden. In manchen Augenblicken waren wir mit unseren Nerven am Ende. Wir leben mit den Zionisten seit zwanzig Jahren zusammen, wir sehen sie Tag und Nacht, wissen genau, wonach sie trachten. Wir wissen alles. Ich rate euch: Glaubt nicht ein Wort von dem, was sie euch erzählen! Die Zionisten wollen nur eins: das Land, die Erde. Einzig darauf arbeiten sie hin, soviel wie nur irgend möglich davon zu bekommen. Seht, wie sie sich schämen vor uns, die wir geblieben sind! Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Wir sehen sie. Sie fragen sich, was sie mit uns machen sollen. Wir sind ihr Problem. Schon allein unsere Existenz reizt sie, jagt ihnen Furcht ein, als wären wir eine Armee, die ständig wächst, unbezähmbar. Seit zwanzig Jahren versuchen sie, sich unser zu entledigen, umsonst...und wir, wir sind stolz darauf. Sie werden kein Mittel finden, sich eines ganzen Volkes zu entledigen. Das ist also mein Testament, und es ist von siebzigjähriger Erfahrung diktiert. Es wendet sich an jeden von euch persönlich. Und mögen es die Anwesenden den Abwesenden übermitteln: Wenn die Zionisten dir einen Kampf liefern, denke vor allen Dingen an die Erde!

Akram Scharim, "Die Erde"


Emil Habibi , geboren 1921 in Nazareth. Ausbildug als Ingenieur. Nach der Proklamation Israels 1948 als Journalist tätig. Zwischen 1953 und 1972 Mitglied der Knesset in der Kommunistischen Parrei. Lebt derzeit als Schriftsteller und Verleger in Haifa.


Das ist ein typisches Merkmal unserer Familie, die deshalb Peptimist heisst. Dieser Name ist nämlich eine Verschmelzung zweier Wörter, Pessimist und Optimist, Eigenschaften, die sich in sämtlichen Mitgliedern unserer Familie seit unserer verstossenen zypriotischen Urahnin untrennbar verbunden finden. Also nannte man uns Peptimist, und es heisst, derjenige, der uns diesen Namen gab, sei Tamerlan gewesen, und zwar nach dem zweiten Massaker von Bagdad. ...
  Oder nehmen Sie zum Beispiel mich: Ich kann einen Pessimisten nicht von einem Optimisten unterscheiden und frage mich oft, was ich eigentlich bin. Wenn ich morgens aufwache, danke ich Gott dafür, das er mich nicht im Schlaf hinweggerafft hat. Und wenn mich am Tag ein Missgeschick ereilt, danke ich Gott dafür, dass mir nichts Schlimmeres zugestossen ist. Was also bin ich, ein Pessimist oder Optimist?
   Meine Mutter stammte ebenfalls aus der Familie der Peptimist. Mein ältester Bruder arbeitete im Hafen von Haifa, als ein Sturm aufkam, den Kran, den er lenkte, umwarf und ihn mitsamt meines Bruders auf die Felsen im Meer schleuderte. Man las ihn zusammen und brachte ihn in Stücken nach Hause, ohne Kopf und ohne Eingeweide. Er war gerade einen Monat verheiratet gewesen, und nun sass seine junge Frau jammernd und ihr Unglück neklagend zu Hause. Meine Mutter sass bei ihr und weinte lautlos. Plötzlich sprang meine Mutter auf, schlug die Handflächen aufeinander und rief mit belegter Stimme: "Gut, dass es so undn icht anders gekommen ist!"
   Niemand war besonders überrascht, ausser der jungen Frau, die ja nicht aus unserer Familie stammte und der diese Art Weisheit nicht einleuchtete. Sie verlor die Fassung und schrie meiner Mutter ins Gesicht:" Was soll das heissen: nicht anders, alte Glücklose?" (Das bezog sich auf den Namen meines seligen Vaters: der Glücklose.) "Was könnte den noch schlimmer sein?"
   Mein Mutter liess sich von diesem jugendlichen Ausbruch nicht beeindrucken. Sie antwortete mit ruhiger Orakelstimme: "Zum Beispiel hättest du dich zu seinen Lebzeiten entführen lassen können, meine Tochter, wärst also mit einem anderem Mann davongelaufen." Dazu muss man wissen, das meine Mutter den Familienstammbaum in- und auswendig kennt.
   Wirklich lief sie zwei Jahre später mit einem anderen Mann davon. Der erwies sich als unfruchtbar. Als meine Mutter davon erfuhr, sagte sie wie immer: "Wie sollte man da nicht Gott dankbar sein?"

Was sind wir also, Pessimisten oder Optimisten?

Emil Habibi, "Der Peptimist", Lenos Verlag 1995, Basel


Sahar Khalifa ist 1941 in Nablus geboren. Nach ihrer Scheidung widmete sie sich der Literatur. Sie arbeitete als Dozentin an der Universität Bir Zeit und lebt zur Zeit in den USA. Die Hauptthemen ihrer Werke sind die israelische Besatzung, die Veränderung der palästinensischen Gesellschaft und die Lage der palästinensichen Frauen. Aus einem ihrer bekanntesten Büchern, "Der Feigenkaktus", soll hier zitiert werden.


Am Straßenrand standen dicht die Malvenstauden, ihre Blätter warfen samtene Schatten auf die staubige Erde. Vor den gewaltigen Baracken, die den Eingang ins besetzte Gebiet markierten, fehlte auch die kleinste Pflanze. Kundige Hände hatte die Frühlingsdecke entfernt, aus Furcht vor dem Eindringen von Unerwünschten. Aus Sorge, irgendwelche Kreaturen könnten sich einschleichen und die Sicherheit des Staates erschüttern. In einem hölzernen Wachhäuschen, das von einer Hecke umgeben war, stand ein Posten. Er streckte seine behaarte und sommersprossige Hand aus. Kniff seine mit kurzen roten Wimpern umrandeten Lider zusammen und gähnte. "Passierschein". Anfangs fuhr das Auto langsam. Dann raste es wie verückt davon. Durch ein kleines Seitenfenster vorne pfiff es störend, was aber niemand wahrnahm. Jeder war ins Reich seines Schweigens versunken. Abu Mohammed hielt Usama eine Packung Kent hin: "Bitte sehr." "Danke. Ich rauche keine imperialistische Zigaretten." "Das sind Kent. Schau doch! Nimm schon eine, was man hat, hat man. Sie haben mir zwei Stangen weggenommen, diese ... Eine Schachtel haben sie mir gelassen, aber erst haben sie noch siebzehn von den zwanzig zerbrochen. Sie hatten Angst, es sei etwas anderes als Tabak drin. Nimm! Eine für dich, eine für mich und eine für Chaled." Überrascht fragte Usama: "Chaled raucht amerikanische Zigaretten?" "Auch israelische. Nimm! Rauch! Rauch! Die Schachtel Alia ist von zwölf auf dreiundzwanzig raufgegangen." Der Fahrer, hatte, wie üblich bei Fahrern, zugehört und mischte sich nun ein. "Weißt du, wieviel die Firma für ein Päckchen Alia kriegt? Sechs Piaster, Onkel. Die restlichen siebzehn sind "Schutzabgaben". Wir zahlen und sie kaufen Waffen, um uns damit zu schützen. ..." Abu Mohammed nickte zustimmend mit seinem großen Kopf und fuhr fort: "Ich rauch jetzt El-Al." "Israelische Zigartten?" fragte Usama entsetzt. "Ich eß israelischen Reis, israelisches Mehl, israelischen Zucker. Unmittelbar nach ihrer Ankunft in Eilat verlieren die Waren ihre Nationalität. Wir bezahlen die Waren doppelt. Einmal für die ursprüngliche Nationalität, einmal für die neue." "Und ihr zahlt?" Der Fahrer haute aufgebracht aufs Lenkrad. "Genau! Wir zahlen die Nutte und ihre Schwester." Usama starrte in den kleinen Rückspiegel vor dem Fahrer. Er blickte wütend in den stumpfen Augen des Mannes. Was ist geschehen mit diesen Leuten? Hat das die Besetzung aus ihnen gemacht? Wo ist der Geist des Aufbegehrens? Wo der Widerstand? Und plötzlich brach es aus ihm hervor: "Wo ist der Widerstand?" Der Fahrer lachte höhnisch. "Das ist für die, die dafür bezahlt werden." ... Einer der Fahrgäste platzte vor Zorn. Er begann so tiefschüfernd zu predigen, daß es den würdigen Konferenzteilnehmern in den arabischen Hauptstädten das Mark hätte erzittern lassen. Er wiederholte abgedroschene Phrasen, die nur ihm selbst das Herz schneller schlagen ließen. Er gab seiner Stimme eine feierlichen Ton, durchsetzt mit den vielfältigsten Emotionen. Er sprach von Einheit, von der arabischen Welt vom Atlantik bis zum Golf, vom revolutionären Schwung, von den Entwicklungsländern, von Vietnam - und was lehrt dich wissen, was Vietnam ist?, vom Krieg der Millionen Märtyrer, von der Chinesischen Volksrepublilk, vom Opiumkrieg, vom Fliegenkrieg. Ganz außer Atem schloß er: "Ihr sitzt hier wie die Hofschranzen des Sultans, raucht El-Al und erfindet dafür jede Art von Rechtfertigungen." Keiner reagierte. Der Fahrer betrachtete im Rückspiegel amüsiert seine erregten Gesichtszüge. Abu Mohammed wiegte den Kopf. Seine Halsadern wurden schlaff. Der Fahrgast sagte haßerfüllt: "Ihr erwidert nichts. Ihr rührt euch nicht. Ihr tut nichts anderes, als den Fortbestand der Gattung zu sichern. Tatsächlich verdient diese Gattung gar nicht solche Aufmerksamkeit. Ihr seht nicht die Zukunft. Ihr seid mit Blindheit geschlagen." Die letzten Worte ließen Usama aufhorchen. Die Gedanken überstürzten sich in seinem Kopf.


Ein Mann mit einem kerzengeraden Tarbusch auf dem Kopf ging vorbei. Er nahm ein einen langen Laib. Befühlte ihn. Legte ihn dann wieder zurück. Der Brotverkäufer rief ihm nach: "Er ist frisch, bei deinem Schnurrbart." Der Mann ging weiter. Hob die Hand ... Frisch! Was man dort unten (Anm.: in Israel) nicht los wird, verkauft ihr hier. Er ging weiter. Verschwand in einer Gasse. Usama hatte den Vorgang wütend beobachtet. Bekümmert sagte er sich: Sogar das Brot. Alles hatte sich gegen ihn verschworen. Zorn flammte in ihm auf. Ein eleganter junger Herr trat zu dem Verkäufer. Fragte ihn mürrisch: "Woher stammt das?" Der Verkäufer war verärgert. Er schaute sich um, aus Furcht, andere Kunden könnten in der Nähe sein. "Das ist Brot, Professor." In den Augen des jungen Mannes bemerkte er einen Ausdruck von Aggressivität und nahm eine Abwehrhaltung ein. "Das ist Brot. Gehört jetzt auch das Brot einer Religion und einem Volk an? Das ist ausgezeichnetes Brot, wie Gold." Der junge Mann nahm einen Laib und bemerkte darauf eine Marke mit hebräischen Buchstaben. Das Brot war trocken wie der Stamm eines römischer Olivenbaum. Wütend rief er: "Brot von dort unten. Und dann noch knochentrocken? So eine Schande!" Es schien, als riefen gerade diese Worte bei dem Verkäufer Erinnerungen wach. Er nahm eine herausfordende Haltung ein. "Jawohl, mein Herr. Von dort unten. Woher denn sonst? Alles stammt von dort unten, Professor. Alles stammt von dort unten. Wenn dir das nicht paßt, verschwinde doch, und laß uns in Ruhe unseren Lebensunterhalt verdienen!" Der junge Mann wiederholte angewiedert : "So eine Schande!" Der Verkäufer reagierte zornig auf die Beleidigung und schrie los:" Schande? Ich bin dort arbeiten gegangen, und ihr habt gesagt: Schande. Ich bin zu Hause geblieben wie die Weiber, und man hat gesagt: Schande. Wir haben Brot verkauft, und ihr habt gesagt: Schande. Und du, Professor, mit modischen Hosen und gebügeltem Hemd, du sagst zu mir: So eine Schande! Weiß Gott, wir sind nicht die ersten , die bei ihnen arbeiten. Als wir noch auf der Suche nach Brot durch die Strassen von Nablus gestreift sind, habt ihr Herrschaften euch auf den Straßen von Tel Aviv herumgetrieben, auf der Suche nach Firmen, die euch als Vertreter einstellen. Hab ich recht oder nicht, Professor? Antworte doch: Hab ich recht oder nicht?" Er packte einen Laib Brot und schwenkte ihn dem jungen Mann vor dem Gesicht herum. Der Speichel tropfte ihm vom Mund auf die Brotlaibe. "Hab ich recht oder nicht? Raus mit der Sprache! Red in Gottes Namen." Der junge Mann starrte dem Verkäufer betroffen ins Gesicht. Sein Herz schlug heftig. Auf Mund und Augen lag ein einfältiger Ausdruck. Dann faßte er sich. Sagte einlenkend : "Gut, dann verkauf arabisches Brot." Der Verkaufer warf den Laib auf den Karren und schickte sich an weiterzugehen. ...Er ging weiter, und seine Worte mit ihm. "Dem einen ist das Brot zu trocken. Dem anderen zu altbacken. Dem dritten ist`s eine Schande. Jetzt langt`s dann. Laßt uns in Ruhe unsren Lebensunterhalt verdienen. Hier, Brot, frisches Brot. Spottbilliges Brot! Für weniger als nichts. Spottbilliges Brot..." Einige Jungen scharten sich um ihn und kauften, ohne zu diskutieren. Usama ging weiter. Gefühle von Fremdsein und Machtlosigkeit. Scheitern, das alle Menschen vernichtet, auch Nuwar. Nuwar! Das Licht des Hauses weint. Tränen. Krankheit. Staub. Mit Blindheit geschlagen. Adel sagt: Das Bild hat mehr als eine Perspektive. Welche Perspektive? Es gibt nur eine Perspektive. Eine einzige Wirklichkeit. Die Wirklichkeit der Niederlage und der Besetzung. Ist das eine Besetzung oder eine Zersetzung? Es ist beides dasselbe, mein Land- dasselbe. Dieses Volk besiegt mich mehr als Israel. Auch Adel, die Stütze der ganzen Familie, ist ruiniert. Was bleibt da noch? Basil und die jungen Burschen. Sie sind noch zu jung. Hiobsgeduld! Wir müssen lange warten bis die Kinder großgeworden sind. Doch wer sagt uns, daß nicht jeder von ihnen ein neuer Adel wird? Adel ... Das Herz übervoll mit Kummer. Die Gelenke tief in Fesseln. Die ganze Bildung ... Die ganze Reinheit ...Versinke, mein Land ... Und doch, nein! Das Land wird nicht versinken. Es wird immer Menschen darin geben, die an das Unmögliche glauben. Der Wille der Menschen ist stärker als das Unmögliche. Palästina im Herzen, Neruda. Im Augapfel, im Zentrum des Lebens. Diese Menschen. Mit ihrer Unwissenheit. Mit ihrer Traurigkeit. Mit ihrem hebräisch gestempelten Brot. Ich bin noch immer einer von ihnen. Sing weiter, Scheich Imam, sing weiter: Die Menschen in meinem Lande sollen leben, außer ihnen gibt es keine. Guevara ist nicht tot. Er lebt noch immer. In diesem Herzen. Palästina im Herzen, Neruda. Im Augapfel, im Zentrum des Lebens.


... Langsam ging Adel einige Stufen hinauf. Dann blieb er stehen und faselte weiter. "Ist es nicht so? Einige von uns sind berauscht vom Widerstand. Einige von Heldentaten im Kampf. Und wir von der Nierenkolik. Eine Nieren- kolik ist unangenehm. Schmerzhafter als Geburtswehen. Doch auf Geburtswehen folgt immerhin eine Geburt. Wir leiden an Koliken, ihr an Geburtswehen, und ihr beschimpft uns dafür, daß wir nichts gebären! Was sollten wir gebären? Hat uns der heilige Fluß befruchtet, ohne daß wir geboren hätten? Versinke im Schlamm, mein Land. Tausende von Flechten sollen sich auf dir tummeln. Und wir werden sagen: Friede im Vaterland. Und wir werden sagen: Friede auf Erden"


Mahmud Darwisch wurde 1941 im heute nicht mehr existenten galiläischen Dorf al-Barwa östlich der Hafenstadt Akka im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina geboren. Im ersten arabisch-israelischen Krieg 1948 flüchtete er mit seiner Familie in den Libanon und kehrte dann (nach israelischem Gesetz illegal) in das Dorf Deir-Assad bei Akka zurück. 1960 erschien sein erster, später von ihm verworfener Gedichtband "Vögel ohne Flügel". Darwisch arbeitete als Redakteur für die arabischsprachige Zeitung "Das Neue" und wurde Herausgeber der den israelischen Kommunisten nahestehenden Wochenzeitschrift "Die Einheit" in Haifa. Er war Mitglied der israelischen KP, die als einzige die israelischen Araber in der Knesset vertrat, sowie der später verbotenen Gruppe "Die Erde", einer sozialistisch orientierten Vereinigung palästinensischer Intellektueller in Israel. Wegen seiner schriftstellerischen Tätigkeiten wurde Darwisch mehrfach verhaftet und zu Hausarrest verurteilt. Er war Mitglied des palästinensischen Nationalrats und wurde 1987 Mitglied des Exekutivkomitees der PLO, aus dem er 1993 in Zusammenhang mit der Unterzeichnung der palästinensisch-israelischen Friedensvereinbarungen austrat.

Darwisch lebt seit 1995 in Amman/Jordanien und Ramallah/Palästina, wo er die Literaturzeitschrift "al-Karmal" neu herausgibt

"Mahmoud Darwisch ist nicht nur Anwärter auf den Literaturnobelpreis, der Palästinenser ist mit seiner starken, einfach wunderschönen Sprache der bedeutendste Schriftsteller der arabischen Welt. Darwisch besticht nicht nur durch seine Sprache, sondern auch durch seine unbeirrbare Friedfertigkeit."
Saarländischer Rundfunk

Folgende Gedichte sind in: Mahmud Darwish, "Wir haben ein Land aus Worten", Ammann Verlag in deutsche Übersetzung erschienen.


Wir lieben das Leben

Auch wir lieben das Leben, wo wir nur können,
Wir tanzen zwischen zwei Märtyrern, zwischen ihnen pflanzen wir
für die Veilchen Palmen oder errichten ein Minarett.
Wir lieben das Leben, wo wir nur können,
Und stehlen dem Seidenwurm einen Faden, um einen Himmel
aufzuspannen und die Reise einzuzäunen.
Wir öffnen das Gartentor, damit der Jasmin als schöner Tag auf die
Straßen hinausgeht.
Wir lieben das Leben, wo wir nur können.
Wo immer wir uns niederlassen, säen wir schnellwüchsige Pflanzen,
wo wir uns niederlassen, ernten wir einen Toten.
Wir blasen auf der Flöte die Farbe der fernen Ferne, malen auf den
Staub des Weges ein Wiehern
Und schreiben unseren Namen Stein für Stein - o Blitz, erhelle die
Nacht für uns, erhell sie ein wenig.
Wir lieben das Leben, wo wir nur können.

Aus: Weniger Rosen; 1986


Die Erde wird zu eng für uns

Die Erde wird zu eng für uns, zwängt uns in den letzten
Durchgang,
Wir reißen unsere Glieder ab, um hindurchzugelangen.
Die Erde preßt uns aus. Ach, wären wir Weizen, so daß wir stürben
und lebten. Wäre sie unsere Mutter,
So daß sie uns verschonte. Wären wir Bilder für die Felsen, die
unser Traum tragen würde.
Spiegel. Wir sahen Gesichter, die der letzte von uns bei der
Verteidigung der Seele tötete.
Wir weinten über das Fest ihrer Kinder. Und sahen Gesichter, von
denen unsere Kinder
Aus den letzten Fenstern dieser Weite geworfen werden. Spiegel,
die unser Stern aufhängen wird.
Wohin sollen wir gehen nach den letzten Grenzen, wo sollen die
Vögel fliegen nach dem letzten Himmel,
Wo schlafen nach dem letzten Luftzug die Pflanzen?
Wir werden mit scharlachrotem Rauch unsere Namen schreiben,
Wir werden die Hand der Hymne abhacken, damit unser Fleisch
sie vollendet.
Hier werden wir sterben. Hier im letzten Durchgang.
Hier oder hier wird seinen Ölbaum pflanzen ... unser Blut.

Aus: Weniger Rosen; 1986


Wir reisen wie alle Menschen


Wir reisen wie alle, aber kehren nirgendwohin zurück. Als wäre
die Reise
Der Wolken Weg. In ihrer Dunkelheit, zwischen den Wurzeln
der Bäume begruben wir unsere Lieben.
Wir sagten zu unseren Frauen: Gebärt uns Hunderte Jahre,
Damit wir diese Reise zu einem Meter des Möglichen, zur
Stunde eines Landes vollenden.
Wir reisen in den Planwagen der Psalmen, wir schlafen im Zelt
der Propheten, wir schlüpfen aus dem Wort der Zigeuner.
Wir messen den Raum mit dem Schnabel des Wiedehopfs oder
singen, um die Entfernung von uns abzuwenden und das
Mondlicht zu waschen.
Dein Weg ist lang, so träume denn von sieben Frauen, die diesen
langen Weg auf deinen Schultern tragen möchten.
Schüttele für sie die Palmen, um ihre Namen zu erfahren und
von welcher Mutter das Kind aus Galiläa geboren wird.
Wir haben ein Land aus Worten. Sprich, sprich, damit ich
meinen Weg mit einem Stein aus Stein pflastern kann.
Wir haben ein Land aus Worten. Sprich, sprich, damit wir das
Ende der Reise erkennen.

Aus: Weniger Rosen; 1986


Mu'in Bseisso wurde im Jahre 1930 in Gaza geboren. Von Kindheit an erlebte er den Widerstand gegen die britische Besatzung und die zionistische Kolonialisierung. 1952 schloss er an der Amerikanischen Universität in Kairo sein Literatur- studium ab. Danach engagierte er sich als Lehrer in den palästinensischen Flüchtlingslager und in der kommunistischen Partei. Früh gewann Mu'in Beseisso die Überzeugung, dass das palästinensische Volk seine Zukunft selbst in die Hände nehmen muss, und nicht mehr länger auf die Befreiung durch die arabischen Staaten warten darf. Diese Überzeugung brachte ihn acht Jahre seines Lebens in ägyptische Gefängnisse, wegen "kommunistischer Aktivität". Im folgenden werden Stellen aus den "Palästinensischen Heften", Aufzeichnungen aus der Zeit der Gefangenschaft, zitiert.


Die Gefängniszelle lehrte mich das Reisen, das Reisen über lange Strecken, sie lehrte mich auch das Schreiben über lange Strecken; denn mit der Zeit lernt der Gefangene, seine Hand im Wasser reisen zu lassen; und er versucht mit seiner Stimme zu schreiben. Ein Gefangener verlangte, um die Qualen zu mildern, den Koran...sie brachten ihm das Talmud. Sie sagten: die Gefängniszelle ist unrein, der Koran darf nicht in eine Gefängniszelle. So haben sie uns, palästinensischen Gefangenen im Militätgefängnis die Götter Israels aufgezwungen. So kehrte der israelische Samson zurück. Wir liessen ihn in Gaza, ein Haufen Steine, der immer noch in der Nähe der nationalen Schule liegt, darüber eine kleine Kuppel; und nun brachten sie ihn uns als Gefangenenwächter im Militär- gefängnis zurück. (In Palästina glaubt man, dass der legendäre Samson in der Stadt Gaza begraben liegt.)

An die Zellenwände schreiben die Gefangenen ihre Namen, sie kratzen sie mit Knöpfen oder mit Nägel ein. Das erste, was ein Häftling macht, ist, seinen Namen an die Wand seiner Zelle zu schreiben. Stets schreibt er seinen Namen und das Datum seiner Ankunft in der Zelle, sowie seine Heimat. Und um seinem Nachfolger eine Freude zu machen, schreibt der Häftling für ihn das Datum seiner Entlassung aus dem Gefängnis, so als ob er seinem Sohn oder Enkel- dem kommenden Häftling- sagen möchte: Kein Gefängnis ist über einem Gefangenen gebaut worden, und kein Krankenhaus über einem Kranken...

Du musst reisen, denn die Zelltür wird nur drei Mal am Tag geöffnet. Einmal um sechs Uhr morgens, da darfst du deine Hand ausstrecken, um den Blechnapf entgegenzunehmen, mit einem Brot drauf. Dann darfst du den Eimer raustragen, der als Klo dient. Die zwanzig Meter Strecke zwischen der Zelle und dem WC darf der Häftling sonst nicht gehen... Sie wollen nämlich nicht, dass du auch nur daran denkst, dass du einst laufen konntest. Sie führen einen permanenten Krieg gegen dein Gedächtnis. Um ein Uhr Nachmittag wird die Tür geöffnet, und derselbe Blechnapf mit Brot darauf wird gereicht.

Wir waren gerade dabei denken und schreiben zu lernen, doch die Zelle lehrt dich etwas anderes. Die Zelle wird zum dritten Mal vor der Abenddämmerung geöffnet. Derselbe Blechnapf und Brot darauf, dann wird bis zum nächsten Tag um sechs Uhr die Zellentür gesperrt.

Im ägyptischen Zentralgefängnis war der Hauptwachtmeister Hassan Al-Muschrif für die palästinensischen Gefangenen im Erdgeschoss zuständig. Er pflegte vor jeder Zellentür Bananen zu schälen, eine Banane nach der anderen zu verschlingen und dann zu sagen: Das sind Bananen, damit ihr was lernt, ihr Rindviecher. Diese "Rindviecher" jedoch sahen auf der Landkarte die Stadt Jericho vor sich, und Bananenblätter waren ihre Decken nach der Geburt. Aber der Hauptwachtmeister Hassan hatte keine Ahnung von Erdkunde, und statt ihn lesen und schreiben zu lehren, brachten sie ihm bei, wie man Menschen foltert. Dieser Armselige, dem man eine Peitsche in die Hand drückte, hatte einen Sohn auf der Universität mit einem Bleistift in der Hand. Und als wir vom Zentralgefängnis zum Gefängnis der Kanarwe Al-Khairiyya verlegt wurden, weinte Hauptwachtmeister Hassan und sagte: Mein Sohn hat mir erzählt, dass es in eurem Land Bananen gibt.

An der Wand jeder Zelle versucht der Häftling ein Schiff zu malen oder einen Vogel. Das Schiff im Gefängnis ist immer ein Geschenk des "alten" Häftlings für den "Neuen". Das Geschenk sagt dem Neuen: Sie können dich nicht töten, solange du reisen kannst. Es ist das ewige Vermächtnis des Gefangenen.

Der Gefangenenwächter Algawhari wollte auch ausserhalb der Mauern des Militärgefängnisses reisen, weil auch der Wächter im Gefängnis sich als einen Gefangenen betrachtet, und in der Tat ist er einer; denn er ist Tag und Nacht im Gefängnis. Und weil das ewige Vermächtnis des Häftlings auch auf den Wächter zutrifft, so reiste der Wächter Algawhari mit seiner Stimme. Nachts sang er für uns, er sang für die palästinensischen Gefangenen, die er am Tage folterte, und die von seinem Hund Lacki oft gebissen wurden.

Einmal in der Woche bekamen wir ein Ei zum Frühstück. Plötzlich erinnerst du dich, dass aus dem Ei etwas herauskommen könnte. Während du die Zellenmauer nicht zerstören kannst, um herauszukommen, so könnte etwas anderes die Schale zerstören, um herauszukommen. Ich aß das Ei nie, und stellte mir vor, dass ein kleiner Schnabel die Schale eines Tages durchbricht, aber ich wartete und wartete.

Der Regen ist mein bester Freund. Wenn der Regen fiel, kam er durch das Schloss der Zellentür. Er öffnete sie dir. Das Schiff wartete immer auf dich vor der Zellentür. Du reist jetzt zwischen den Weizenkörnern. Wenn du zwei Farben mischt, kommt eine dritte heraus. Was aber passierte, wenn der Gefägnisknecht hundert Schreie eines Gefangenen mit seiner Peitsche vermischt... Das Leiden kommt immer von ausserhalb der Zelle. Wenn sie anfangen deinen Nachbarn in der nächsten Zelle zu foltern, fängt das Foltern auch für dich an. Du wartest ... du bist ja dann an der Reihe; sie wissen das und´lassen das Warten und somit das Leiden lange dauern; vielleicht bist du heute nacht nicht an der Reihe, aber das Feuer lodert bereits in deinen Knochen. Jeder Schrei, der dich von aussen erreicht, ist wie Feuer in deinem Körper. Der Rauch des Feuers kommt vom Körper deines gefolterten Nachbarn zu deinem eigenen Körper. Sie schlachten ihn mit Feuer und ersticken dich mit Rauch.


Alle Verschwörungen gegen die Palästinenser nach ihrer Vertreibung im Jahre 1948, konzentrierten sich anfangs auf die Flüchtlingslager. Diese Lager, obwohl unbewaffnet, waren für viele eine drohende Gefahr. Im Flüchtlingslager hingen die vertriebenen, entwaffneten und entrechteten palästinensischen Bauern ihre Sicheln, die Schlüssel ihrer Häuser und alles, was sie an ihre Dörfer erinnert, an die Wände ihrer Lehmhütten oder in die Ecken ihrer Zelte und warteten auf die Rückkehr in die Heimat. Als diese ausblieb, begannen sie sich selbst zu belügen. Sie wollten die Heimat in ihre Lager bringen. So fing jeder an, um seine Hütte oder Zelt herum, das zu pflanzen und anzubauen, was er in der Heimat pflanzte und anbaute. Aber die Trauben von Barbara (ein Dorf in Palästina, das von den Zionisten erobert wurde, und das für die Qualität seiner Trauben bekannt ist), die Trauben von Barbara schmecken eben anders als die Trauben in einem Flüchtlingslager im Gaza- Streifen. Die Flüchtlinge begannen zu sprechen. Ihre Sicheln, die Schlüssel ihrer Häuser in der Heimat, ihre verlassenen Bäume - alles begann zu reden. Die Flüchtlinge wussten, dass ihre Feinde palästinensische Finger hassen, gleichviel, ob diese Finger den Abzug eines Gewehrs, oder ein Kreidestück umklammerten; und so schickten sie ihre Kinder, damit sie unter freiem Himmel lernten. Die Holzkisten wurden zu Tafeln, und die Lehrer, die diese Kisten selbst zu Tafeln verarbeitet hatten, schrieben mit Kalksteinen darauf, was ihre Schüler zu lernen hatten. Die Kinder begannen zu lernen, und die Hoffnung fing an, Gestalt anzunehmen. Der Lehrer bekam Ende des Monats als Belohnung ein Säckchen Zwiebeln und etwas getrockneten Fisch; trotzdem schrieben die palästinensischen Lehrer weiter mit dem Kalkstein und verliessen die Flüchtlingskinder nicht. Kalkstein, alte Holzkisten und mit Wasser gemischte Milch, dies sind die Elemente, mit denen einen neue Generation palästinensischer Lehrer heran- gebildet wurde, die dann in der gesamten arabischen Welt lehrten und weitere Generationen von Kindern ausbildeten.


Als 16-Jähriger schrieb Bseisso folgendes Gedicht, dass 1948 veröffentlicht wurde:


Jemand geht über die Grenze...
Eine Lüge ... es kommt keiner darüber
ich werde meine Ketten ...
und meine Galgen
nicht umtauschen
aber die Kugeln ... sie kommen durch
und die Soldaten danach ... kommen durch
von der Erde wurde sie vertrieben
die ihr Schweiss trank
sie werden aber weiter schwitzen
auf deiner Erde
sie werden töten ...
und werden getötet werden
oder wenn sie sich immer wieder fragen,
wann würden sie zurückkehren?
Sie banden ihnen die Augen zu ...,
und sie sahen weder den Kanal
noch die Wildtiere ...
du machtest aus deiner Stimme eine Graben ...,
und sie sperrten den Armeen den Weg
Oh ... mein Bauer,
hast du deine Sicheln
für die Ernte scharf gemacht?
Sie kommen,
und die reichen Eigentümer
sehen im Kommen der Heuschrecken alles Gute
sie werden dich töten ...
mit der Sichel ... über dem Weizen
den du erntest.
Diese Geschütze lügen ...
glaube ihnen nicht
Sie wurden nicht mit Oliven
auch nicht mit Orangen
gefüllt ... auch nicht mit Dattelbäumen
sondern
sie wurden mit Galgen gefüllt
mit Ketten ... mit Peitschen und Schwertern,
ich kann in deiner durstenden Handfläche
nicht die Zukunft lesen,
aber ich sehe die Stempel des Kolonialismus
auf ihren Gesichtern ...
und auf ihren Rücken,
aber auch auf ihren Gewehren
siehst du den Verrat und dein Schicksal.
Ashdod ist die letzte Station
nein, Ashdod ist nicht die letzte,
denn er verkaufte Gaza vor Ashdod
der Diener an den Diener
aber falls du lebst,
wirst du sehen
sie werden ihre Köpfe auf ihren Rücken
tragen
Du und ich ..., wie kann ich wagen
zu sagen
ohne sie
hättest du dein Haus
mit Rosen gefüllt
Oh Nahil
und ohne sie
wäre der kleine Taufiq
mit Remounda
mit Rachel
grossgeworden.